Israelischer Sommer – Protest mit Scheuklappen

Der letzte Freitag im Ramadan. Ich dränge mich durch die lebendigen Straßen Ramallahs, an grellfarbenen Geschäften vorbei Richtung Bahnhof. Im Zentrum, um den Manara Square herum, scheinen viele Gebäude unvollendet. Aus halbleeren Häusern ragen Stahlstäbe heraus, während es unten in den Gassen von Menschen quillt. In der Parallelstraße: Schicke Bankgebäude mit spiegelnder Glasfassade. Der Geruch von brennendem Müll mischt sich mit dem von frisch gebackenem Fladenbrot und Gewürzständen. Am Bahnhof angekommen heißt es: Keine Busse nach Jerusalem. "Ausschreitungen am Checkpoint.", so ein Taxifahrer. Er nimmt mich trotzdem mit, über einen Umweg durch die engen Gassen des Flüchtlingscamps Qalandia. Hier dringt die Trennmauer, abseits der grünen Linie der Osloer Verhandlungen, tief in das palästinensische Land ein. Der Taxifahrer lässt mich am Checkpoint aussteigen. Über die Grenze muss ich allein, er muss umkehren.
Nur wenige Palästinenser bekommen eine Genehmigung, nach Ost-Jerusalem, geschweige denn Israel, einzureisen. „Die Privilegierten“ mit temporärer Erlaubnis, stehen in einem kleinem Warteraum zusammengedrängt, und ich inmitten von ihnen. Alle 15 Minuten öffnet sich das Gate. Mehr als fünf schaffen es nie. Die Wartenden werden unruhig. Schon sechs Uhr. Die Angst das besonders wichtige Freitagsgebet des Ramadan im Felsendom zu verpassen ist groß. Sie haben den ganzen Tag gefastet. Irgendwann schnürt sich der Geduldsfaden enger, es wird gestritten, wer als nächstes durch darf. Ein kleines Mädchen, auf den Schultern ihres Papas, weint. Ich frage mich, warum die Ventilatoren nicht an sind. Warum die Grenzsoldaten, kaum älter als ich, die Menschen in dieser Hitze so schikanieren. Nach zwei Stunden warten, bin ich endlich durch. Sie wollten nicht einmal meinen deutschen Pass sehen.
In Jerusalem ist es still – der Sabbat hat begonnen. Nicht einmal die Straßenbahnen fahren und selbst der 24-Stunden-Kiosk auf der Ben-Yehuda-Straße hat zu. An einer Kreuzung sind Zelte aufgeschlagen und Banner schmücken die Bäume. „Gebt das Parlament ans Volk zurück!“ Hier warte ich auf Ada. Sie gehört zu den Organisatoren der Proteste.Auf dem Weg zu ihrer Wohnung erklärt mir die junge Filmstudentin, mit ihrer weichen Stimme, dass die Zelte ein Symbol der Unzufriedenheit seien. 450 000 Menschen wurden - im wahrsten Sinne des Wortes - mobilisiert auf die Straße zu gehen.Endlich regt sich etwas im nach außen so homogen erscheinenden Israel. „Es begann vor einem halben Jahr mit kleinen Protesten der Sozialarbeiter, Ärzte und Milchbauern.“, erzählt Ada, als wir ihre Wohnung betreten, die innerhalb von 3 Jahren doppelt so teuer geworden ist. „Das Mietproblem betrifft jedoch alle! Dadurch ist der Protest in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“
Am Schreibtisch sitzen Ofeq und Jotam, die gerade einen Film fertig stellen und auf YouTube hochladen. Man sieht „Halt“ gebietende Hände, die Zeichensprache der Großversammlungen, auf denen diskutiert wird, was gegen die Lücke zwischen Arm und Reich getan werden kann. „In den ersten 20 Jahren nach der Staatsgründung war alles aus der Mentalität der Kibbuze heraus organisiert – es gab eine natürliche Mentalität des Zusammenseins und Teilens öffentlicher Güter“, so Ofeq, den es ärgert, dass ich so lange am Checkpoint warten musste. „Mittlerweile ist alles privatisiert. Zehn reiche Familien, die eng mit der Regierung verbunden sind und Steuerbegünstigungen bekommen, kaufen staatliche Güter wie Teile des Gesundheits- und Bildungswesen, aber auch Checkpoints oder die Landverwaltung, die bestimmt wo Häuser gebaut oder Landwirtschaft betrieben werden darf.“ ergänzt Jotam. „Dies führt dazu, dass sich eine Mittelstandsfamilie keinen Kindergartenplatz leisten kann, der teurer ist als das Studium.“ Mehrere Stunden diskutieren wir auf dem Balkon über den globalen Kontext von Neoliberalismus und sozialer Ungerechtigkeit, bis ich nicht mehr an mich halten kann und es aus mir herausbricht: „Wieso um die ganze Welt herumdenken, wenn direkt vor der eigenen Haustür, hinter der vom eigenen Staat gezogenen Mauer solche Ungerechtigkeit passiert?!“ Ich frage sie, ob die soziale Frage und die Friedensfrage nicht zusammengedacht werden müssen? Denn die Okkupation ist nicht nur ein völkerrechtliches, sondern auch ökonomisches Problem für die israelische Gesellschaft. Die Besatzung und Subventionierung des Siedlungsbaus kostet Milliarden. Fragen sie sich nicht, warum ausgerechnet jetzt 1600 neue Wohnungen in Ostjerusalem von Premier Natanjahu ratifiziert wurden?
Ada weiß von alledem. Sie selbst gehört zu den wenigen Israelis, die in Ost-Jerusalem gegen die Besatzung demonstrieren. „Wir sind uns bewusst, dass es hier um mehr als Wohnungspreise gehen müsste. Aber nicht alle denken wie wir. Wenn wir die Besatzung zu früh thematisieren, verlieren wir die breite Masse. Dafür ist es ist noch nicht an der Zeit.“, muss ich enttäuscht entgegennehmen. Sie bauen eher auf persönlichen Dialog. Ofeq selbst ist so hinter die Propaganda seines Staates gekommen. Vor drei Jahren wurde er mit 30 Israelis und Palästinensern von Vacations from War nach Deutschland eingeladen – seitdem hat sich sein Bild des Konfliktes sehr verändert. Ich erzähle ihm, dass viele Palästinenser nach 40 Jahren Besatzung müde sind von Dialogen, die sich nur im „Zwischenmenschlichen“ abspielen und politische Dimensionen ausklammern. Ein Projekt, an dem ich beteiligt war, wollte Schauspieler aus Beer Sheva und Jenin für einen Monat „auf neutralem Boden“ zusammenzubringen. „Das ist Normalization!“, hieß es von palästinensischer Seite und das Projekt war gestorben. „Normalization“ hat sich als Begriff etabliert und fordert, den Dialog nur aufzunehmen, wenn der Partner bereit ist, sich gegen die Besatzung aus- und somit der offiziellen israelischen Staatsdoktrin zu widersprechen. Diesen Mut hatte der israelische Projektpartner in unserem Fall nicht.Der Radikalität dieser Forderung steht Ofeq verständnislos gegenüber. Für ihn ist der Dialog an sich der Schlüssel zum Frieden und seine Biographie auch ein Beweis dafür. Hier zeigt sich das Dilemma des Konflikts im Nahen Osten. Viele Palästinenser sind frustriert, dass sich ihr Leben unter Besatzung in den letzten 40 Jahren begleitet von unzähligen Hoffnung stiftenden Friedensverhandlungen nicht verbessert, sondern eher noch verschlimmert hat. Da hilft ihnen gutgemeinte Weltverbesserei nicht weiter. Das Flüchtlingsproblem und der Jerusalemstatus werden immer noch ausgeklammert und von den 22% Land die einem palästinensischen Staat laut Osloer Abkommen zugesichert wurden, sind abzüglich der Einschneidungen durch die Mauer, und über 200 rechtswidrigen Siedlungen nur 11,5% übrig. So bleiben Ideen wie jene von Ofeq, ein Konzert auf der Mauer für beide Seiten zu organisieren, aus palästinensischen Augen schöne Blasen, die am Alltag der Besatzung vorbeischweben. „Ich weiß“, sagt Ada traurig. Stille. Dann Ofeq optimistisch: „Ich glaube trotzdem daran, dass es bald Frieden gibt.“
Bevor ich gehe, lade ich sie nach Ramallah zu einem Theaterstück ein. Sie haben Lust, aber auch Angst vor der Reise auf die andere Seite der Mauer. Ich erzähle ihnen, dass ich einige Israelis kenne, die in der Westbank leben und arbeiten. Denn ein tatsächliches Gesetz, wie viele glauben, dass ihnen verbietet, in die besetzten Gebiete einzureisen, gibt es nicht. Es ist lediglich eine von vielen Militärregeln, welche die Menschen willkürlich voneinander trennen will. Dies durch zivilen Ungehorsam zu brechen, eröffnet vielleicht einen realistischeren Dialog zwischen der Jugend, der nicht im Ausland inszeniert werden muss.Sie begleiten mich noch ein Stück, es ist kurz nach Mitternacht. In ihren Rucksäcken klappern Dosen – sie werden gleich noch leer stehende Häuser mit Zeichen des Protests markieren. Vielleicht besprühen sie ja in Zukunft auch die bisher noch unberührte Mauer auf israelischer Seite?



