Tokyo Drift
I wonder if you know how they live in Tokyo – Youth Week 2009
Mit nur etwa 6000 auf Dauer in Japan lebenden Deutschen ist das Land der aufgehenden Sonne schwach germanisiert. Um das zu ändern, nahmen circa 160 deutsche Nippon-Begeisterte am Hallo-Japan-Programm der Deutsch-Japanischen-Jungendgesellschaft (DJJG) teil und flogen im August 2009 Richtung Südostasien.Read More
Die DJJG organisiert bereits seit einem Jahr drei Optionen, für die sich die erfolgreichen Bewerber entscheiden konnten: den zweitägigen Youth Summit, der im Rahmen der zehntägigen Youth Week stattfand, und ein dreiwöchiges Praktikum mit Homestay bei einer japanischen Gastfamilie. Ob im Rathaus von Utsonomiya oder in einem Museum in Yokohama – das Praktikumsangebot ist facettenreich. Ziel des Programms ist der interkulturelle Austausch zweier großer Wirtschaftsnationen, die sich in vielen Dingen ähneln, in vielen allerdings auch vollkommen gegensätzlich sind.
Auch Hildesheim war in Tokyo vertreten: Die Studentinnen Lisa Weil, Nelly Schmitt und Paulina Nowak haben sich für die Youth Week und den Youth Summit beworben und eindrucksvolle zehn Tage am anderen Ende der Welt verbracht. Die PKM-Studentin Stephanie Krah verband die Youth Week außerdem mit einem Praktikum.
12. August – Suiyoubi
Nach zehnstündigem Flug landen die Gaijins am Narita Airport und werden am Gateway von einer unsagbaren Welle schwüler Luft erfasst. Vorangegangene Facebook-Pinnwandeinträge à la „bring towels when you come here" bezogen sich offensichtlich auf das Wetter und nicht etwa auf die spartanische Ausstattung der Unterkunft.
Tokyo schwitzt. Obwohl sich die Sonne oft hinter Wolken (oder Smog – man weiß es nicht genau) versteckt, entsteht das Gefühl, man befände sich in den Tropen. Zuflucht findet die große Reisegruppe im gut klimatisierten „National Olympics Memorial Youth Center", einem ehemaligen olympischen Dorf, welches heute als Großanlage mit Wohn-, Sport- und Kreativbereichen dient.
Phänomen 1: In den heißen Augustwochen herrscht in Japan die Semi, eine Zikade deluxe. Bereits an Lärmbelästigung angrenzend zirpen sich die Viecher, welche zu Tausenden in den Bäumen hocken, von morgens bis morgens die Seele aus dem Leib. Wenn die zweiwöchige Paarungszeit vorbei ist, sterben sie.
13. August – Mokuyoubi
Der erste Tag in Tokyo beginnt mit einer Großversammlung aller Teilnehmer, also auch der Japaner. Anschließend geht es gemeinsam ins Minato-ku-Viertel, dort steht die Vertretung der Bundesrepublik Deutschland. Botschafter Hans-Joachim Daerr lädt die Youth Weekler zu einem Gartenempfang in seine Residenz ein. An dem mit Abstand heißesten Tag des Aufenthalts wird bei Salzbrezeln, Kartoffelsalat und Bier (endlich!) gelacht, geklüngelt und geschwitzt.
Phänomen 2: Japaner machen kein gutes deutsches Essen.
14. August – Kinyoubi
Am Freitag wird im Goethe-Institut der zweitägige Youth Summit eröffnet. 200 Japaner und Deutsche sollen in 17 Arbeitsgruppen zusammenkommen, darunter sind: Children's Rights, Elections 2009 in Japan and Germany, Television goes ECO, Whaling – the background and the controversy, Healthy and delicious – Japanese food! oder Pop Culture in Japan – Pilgrimage of Otaku Mecca.
Nachdem die Seminarteilnehmer sich kennen gelernt, ausgetauscht und ihren Schedule vorgestellt haben, klingt die Eröffnung mit zwei Kurzfilmen aus.
Am Abend beginnt die Scavenger Hunt – zu Deutsch Schnitzeljagd. Mit Anleitung und Kamera bewaffnet ziehen die verschiedenen Gruppen durch Shinjuku und Shibuya, um Aufgaben wie „Take a picture with the tallest guy you can find" zu erfüllen. Die witzige Idee bei Nr. 8 ("Take a picture of Richard Gere's 'best friend'") einfach ein Gruppenfoto mit einer Flasche Alkohol zu schießen, wird abgelehnt – es soll dann doch Hachiko sein, ein Hund, der mit Richard Gere zurzeit die Hauptrolle in Tokyoter Kinos spielt und von dem es sogar eine Statue am Shibuya Crossing steht.
Phänomen 3: Japaner haben Gewissensbisse. Unter Aufgabe Nr.5 heißt es: "Take a picture with a German tourist". Obwohl wohlwissend zu Mc Donald's gelatscht, kann nur ein Rotterdamer ausfindig gemacht werden. „Was soll's" denken sich die Deutschen, „den Akzent kann man auf dem Foto eh nicht sehen". Die Japanerinnen weigern sich, denn das sei unhöflich.
15./16. August – Doyoubi/Nichiyoubi
Das Wochenende verbringen die Teilnehmer mit ihren Youth-Summit-Gruppen. Allen Gruppenleitern ist es gelungen, ein sehr gutes Programm auf die Beine zu stellen. Während Lisa in ihrer Gruppe „Healty and delicious – Japanese food" Soba-Nudeln herstellt und Nelly im Rahmen der „Japanese and German Postwar Recovery" Museen besichtigt, genießt Paulina zum Thema „Elections 2009 in Japan and Germany" brillante Vorträge von Universitätsprofessoren, Think-Tank-Mitarbeitern, ehemaligen Vizepräsidentinnen für Finanzen und besucht das Wahlbüro eines Oppositionskandidaten, der mit 60 Jahren den Körper und das Gesicht eines 40-Jährigen besitzt.
Phänomen 4: Japaner sind älter, als sie aussehen.
17. August – Getsuyoubi
Nach einem spannenden Wochenende mit Gruppenarbeit, Besichtigungen und geschätzten 150 erhaltenen Meishis (japanischen Visitenkarten), beginnt der Montag mit einem Besuch des Meiji Schreins, eines beliebten Heiligtums in Shibuya.
Im Anschluss präsentieren im Goethe-Institut alle Gruppen ihr Youth-Summit-Wochenende und ihre Ergebnisse.
Bevor die Youth Summit Farewell Party steigt, treten ein Shamisen-Musiker (dreiseitiges Lauteninstrument) und eine Taiko-Gruppe (traditionelles Schlaginstrument) auf.
Phänomen 5: Japanern fehlt tatsächlich jenes Enzym, das Alkohol abbaut.
18. August – Suiyoubi
Dienstags heißt es: Freizeit. Einige fahren zum Shopping nach Shibuya, andere nehmen an der Teezeremonie teil, andere wiederum schlafen.
Phänomen 6: Nur Japaner sehen in Kimonos wie richtige Japaner aus.
19. August – Kayoubi
Die Hartgesottenen stehen an diesem Tag um vier Uhr morgens auf, um zum Tsukiji, dem größten und wohl gefährlichsten Fischmarkt der Welt, zu fahren – mit dem Taxi.
Phänomen 7: In der größten Metropole der Welt fährt zwischen ein Uhr nachts und fünf Uhr morgens keine einzige Bahn.
Nach einem ausgiebigem Frühstück teilen sich die Youth Weekler in zwei große Gruppen und besichtigen den TÜV in Yokohama oder das Museum des Atomkraftwerkbetreibers TEPCO. Zwischen Turbinen und Urananreicherungssimulatoren gönnen sich Nelly und Paulina ein Arm- und Beinwasserbad im museumeigenen Spa-Bereich.
Phänomen 8: Fragt man einen TEPCO-Angestellten, wohin Japan seinen Atommüll ablädt, bekommt man eine vage Antwort.
Nachmittags geht es in die zweite Runde: Sato Pharma oder United Nations University. Als Politikstudentinnen entscheiden sich die Hildesheimer für die UN Uni und hören Vorträge über die Universität und über den United Nations Population Fund.
Phänomen 9: Es gibt überall Rolltreppen. Überall.
Das Highlight der Abendplanung ist für viele das Baseball-Spiel, zu dem ein Großteil der Teilnehmer strömt. Andere bleiben Zuhause, weil sie bereits am Vorabend eine lustige Zeit beim Karaoke verbracht haben.
Phänomen 10: Unerklärlicher Weise stehen Japaner auf Baseball.
20. August – Mokuyoubi
Am vorletzten Tag besichtigt die Gruppe das Parlament und das MOFA – Ministry of Foreign Affairs. Zwei MPs geben eine kurze Einleitung und stehen für Fragen und Antworten zur Verfügung. Im MOFA hören wir Vorträge und sehen einen Lehrfilm. Entgegen dem Höflichkeitswahn schlafen alle Japaner ein.
Phänomen 11: Japaner schlafen überall. Überall.
Abends ist erneut gemischtes Programm: Essengehen, Plaudern, Schlafen oder Clubbing. Im Hip-Hop-Club fallen die einzigen Deutschen durch ihr Tanzverhalten auf. Während sich die (männlichen) Japaner zum DJ wenden, kommen wir Gaijins in einem Kreis zusammen.
Phänomen 12: Erstaunlicherweise fehlt in Japan die sogenannte „asoziale" Schicht.
21. August – Kinyoubi
Am Freitag geht es nach Kamakura und Enoshima, zwei Dörfer eine Stunde außerhalb Tokyos. Die Gruppe besichtigt einen Tempel nach dem anderen – darunter auch den berühmten großen Buddha, den Daibutsu im Kotoku-in-Tempel. Zum Mittagessen gibt es Reisdreiecke und Süßkartoffeleis.
Am letzten Abend findet die Youth Week Farewell Party statt, künstlerische Darbietungen, mitunter von Stephanie Krah, tragen zum Unterhaltungsprogramm bei. Beim Buffet werden Adressen ausgetauscht und zahlreiche Gruppenfotos geschossen.
Phänomen 13: Es ist wahr, Japaner fotografieren sehr gerne.
Phänomen 14: Japaner machen immer noch kein gutes, deutsches Essen, dafür ist das japanische umso besser.
22. August – Doyoubi
In der Früh brechen die Youth Weekler auf. Ein Großteil bleibt weitere drei Wochen für ein Praktikum, einige wenige machen eine Rundreise oder fliegen zurück in die Heimat.
Phänomen 15: Wir werden Japan vermissen.
Die nächste Youth Week findet übrigens 2010 in Berlin statt!


